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Steeler Kurier / Stadtspiegel Mai 2020
Steeler Kurier / Stadtspiegel Februar 2020

Fit für die Zukunft: Ein Besuch in der KZ-Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau gibt jungen Menschen des Kolping-Berufsbildungswerkes aus Kray u.a. viel Selbstvertrauen

„Was hat Auschwitz mit mir zu tun?”
Das fragen sich seit Mitte Januar 19 junge Auszubildende des Kolping-Berufsbildungswerkes Essen (KBBW) aus Kray. Zunächst in einer Projektwoche, die mit einer öffentlichen Aufführung ihrer „Ermittlungsergebnisse“ endete und aktuell mit einer Fahrt nach Auschwitz (wir berichteten). Am Dienstag besuchten sie den Ort des Schreckens hautnah mit gemischten Gefühlen.

VON MAREIKE SCHULZ

Neugier, Angst, Interesse und die Hoffnung auf Antworten hatten die jungen Menschen im Gepäck. Schon nach dem Frühstück und auf der kurzen Busfahrt zur Gedenkstätte lag Anspannung in der Luft. Keine Witze, kein lautes Lachen, jeder hing seinen Gedanken nach …
Der Appell von Lehrer Sven Schäfers, nicht laut zu sein, war eigentlich nicht nötig. Selbst das Mittagessen verkniffen sich die Azubis, denn „die Menschen, die hier gelitten haben, hatten nichts zu essen. Sie waren nur noch Haut und Knochen. Es wäre respektlos, hier in mein Brötchen zu beißen”, sagt Sophie, die eine regelrechte Achterbahnfahrt der Gefühle erlebt. „Der Gesang der Menschen im Lager, den wir in einem Block gehört haben, das ging schon unter die Haut. Die vielen Bilder der Ermordeten, darunter so viele Kinder und dann diese schreckliche Mauer, an der die Nazis die Menschen einfach so erschossen haben, das hat mich umgehauen”, gibt sie später offen zu. Doch dieser Ort des Schreckens habe ihr auch Mut gemacht. „Ich wollte stark sein, wie die Menschen, die hier so leiden mussten”, sagt Sophie und traut sich – untergehakt bei guten Freunden – sogar in die Überreste von Gaskammer und Krematorium. Hier spürt Timo, der Antworten auf seine Fragen sucht, sogar die Gegenwart der vielen Getöteten. Fast so, wie es dem Auschwitz-Überlebenden Franciszek Gajowniczek, der nur überlebt hat, weil Pater Maximilian Kolbe den Lagervorsteher bat, ihn anstelle des zweifachen Familienvaters zu erschießen. Pater Kolbe landete statt an der Wand im Innenhof im Keller in Block 11 im „Hungerbunker”. Zwei Wochen überlebte er und wurde schließlich mit drei anderen Männern durch Phenolspritzen getötet.
Der Gerettete Gajowniczek spürte Zeit seines Lebens die Gegenwart des Paters.
Unweit seiner Todeszelle befinden sich die Dunkelzellen, in die durch ein Loch am Boden 5-6 Gefangene kriechen mussten, um dann nächtelang auf 90 x 90 cm stehend auszuharren.

Vier Leute in die Zelle

Vier starke Jungs stellen sich auf die Fläche. „Das war so barbarisch, was in den Konzentrationslagern passiert ist”, sind sie sich einig, während sie nur einige Sekunden eingeengt dort stehen.
Oliver bringt es auf den Punkt: „Es ist unbegreiflich, dass Menschen auf so etwas kommen. Schockiert hat mich der Umgang mit den Kindern. Sie haben nichts Unrechtes getan. Babys konnten doch noch gar nichts Falsches sagen oder tun und sie wurden trotzdem verurteilt. Für was?” Gläubig sei er nicht. An der Todesmauer von Auschwitz habe er sich aber bekreuzigt. „Das hat mir die Kraft gegeben, diese Momente durchzustehen”, sagt er tags darauf. Und nicht nur ihm selbst: Beispielhaft kümmerte er sich um die, die von ihren Emotionen so überwältigt waren. Psychologin Angela Dollberg lobte daher auch: „Ich bin begeistert, wie ihr als Gruppe zusammengewachsen seid und euch gegenseitig stützt, tröstet und Halt gebt.”

Timo hat das Leid der Kinder in der Kinderbaracke im Außenlager Birkenau schwer getroffen. „Ich habe mir die ganze Rückfahrt und nachts noch viele Gedanken gemacht. Das sind aber keine schlechten Gefühle. Ich weiß nur: Sowas darf sich nicht wiederholen.” Eine starke Aussage, die alle unterschreiben. „Was hat Auschwitz mit euch zu tun?“, fragt Lehrer Sven Schäfers deshalb auch am Mittwoch in die Runde. „Ich hatte vor dem Projekt wenig mit Auschwitz zu tun. Jetzt geht es uns alle etwas an. Das darf nicht mehr passieren und wir alle können durch unser Handeln mit entscheiden, wie die Zukunft aussehen soll”, bringt es Oliver auf den Punkt. Lehrer Schäfers lenkt die Gesprächsrunde noch einmal auf die Rede von Marian Turski, die er am Ankunftstag vorgelesen hatte und in der dieser das 11. Gebot, „Du sollst nicht gleichgültig sein”, auslobt. „Wir alle dürfen nicht mehr gleichgültig sein und müssen auch in der Schule den Mund aufmachen, wenn andere beschimpft oder ausgegrenzt werden”, sind sich Alessio und Björn einig. Und alle anderen stimmen ihnen zu: „Wir wollen nicht mehr gleichgültig sein!”

Steeler Kurier / Stadtspiegel Januar 2020
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