skip to Main Content
Ruhrwort - November 2012
PS2012-1

„Hier ist Gelegenheit, eine Kerze anzuzünden – wofür auch immer“ steht auf dem weißen Papierschild, das an der Tür der Kapelle des Kolping Berufsbildungswerkes zum Eintreten einlädt. Gekommen ist heute Mittag Julia, die in der Essener Einrichtung eine Ausbildung zur Hauswirtschafterin absolviert. Den Kollegblock noch in der Hand nutzt sie die Unterrichtspause zum Kraft schöpfen, zum Gedankenaustausch, zum Gebet. Auch heute trifft sie in der Kapelle auf Diakon Ludger Höller, der, wenn möglich in jeder Mittagszeit an seinem Lieblingsplatz ist. Er sitzt knapp vor dem Altar mit Blick auf die Marienfigur und das kleine Kreuz und betet das Angelus-Gebet. Seine Spuren im Raum sind unverkennbar. Den früheren wuchtigen Altartisch hat er durch einen feinen hellen Altar ersetzt, den er mit Auszubildenden zum Holzbearbeiter in der Lehrwerkstatt geplant hat. Dabei ist er ihnen auch bei der Fertigung tatkräftig zu Hand gegangen. Vor dreieinhalb Jahren ist Höller als Seelsorger und Religionslehrer vom Bistum Essen ins KBBW entsandt worden. Das enge Vertrauensverhältnis, das Höller seither zu vielen Jugendlichen im Haus aufbauen konnte, hat sicher auch einen biografischen Ursprung. „Ich habe selber viele Stationen gebraucht – von denen ich keine missen möchte – bis ich da angekommen bin, wo ich jetzt stehe“, sagt der gelernte Schreiner. Stationen waren u.a. sein Meisterbrief und die Familiengründung. Inzwischen ist er nicht nur fünffacher Vater, sondern erwartet im Januar sein zweites Enkelkind. Besonders das gespaltene Verhältnis zur Schule, von dem viele Teilnehmer im Haus berichten, kann Höller, selber kein ‚Senkrechtstarter‘, sehr gut nachvollziehen. Vor sieben Jahren wurde er zum Diakon geweiht. Für ihn als Seelsorger ist seine Familie ein „Joker“, wie er sagt. Sowohl die Erfahrung aus der Kindererziehung, wie auch die Geborgenheit, die er selber erfährt, wenn auch er von dem erzählen kann, was ihn bedrückt. Im KBBW aber hört er zu. Bei ganz unterschiedlichen Problemen. Liebeskummer, Prüfungsstress, Versagensangst und immer wieder der tiefen Suche nach Sinn, oftmals unbewusst nach Gott. Tief beeindruckt kehrt er selber immer wieder von Pilgertouren zurück, die er gemeinsam mit Jugendlichen unternimmt. Ziel war beispielsweise auch das Geburtshaus von Adolph Kolping in Kerpen (unser Bild). Schon drei Mal waren er und die Jugendlichen mit Rucksack und Wanderschuhen bereits unterwegs. Die Wanderwege bieten viel Zeit und Freiräume für persönliche Gespräche, bei denen sich die Jugendlichen öffnen. Unabhängig vom Religionsunterricht können die Jugendlichen so in geschütztem Rahmen auch von ihrem Glauben sprechen. Dabei ist Höller der konfessionelle oder religiöse Hintergrund egal. „Ich bin für den Menschen da und schaue nicht auf die Religion“. Und so begleitet er auf seinen Pilgertouren natürlich auch Muslime, Protestanten oder Konfessionslose. „Sie wissen ja, mit wem sie unterwegs sind“, so kommentiert er das.  „Natürlich nehmen mich die Jugendlichen als Mann der Kirche wahr“. Spitznamen wie „Pastek“ bis hin zum „Heiliger Vater“ zeugen trotz der saloppen Formulierung vom tiefen Respekt, mit dem die Jugendlichen ihn anerkennen. Auf diese Weise lernen sie auch Kirche ganz neu kennen: In Gestalt eines Mannes in Kapuzenpulli und Jeans. So gelingt es Höller Beziehungen aufzubauen, die Basis sind für die seelsorglichen Gespräche und sich ergeben, etwa wenn Kerzen entzündet werden. Für die Freundin, für die Mutter, für den Hund, für Opa oder Oma, für die Prüfung, so hört er es oft –  wofür auch immer – so steht es ja an der Türe. Kerze, Licht, Wärme, Geborgenheit – Erinnerungen werden wach: ‚Mit der Oma war ich auch manchmal in einer Kirche, da haben wir immer eine Kerze angezündet…‘ Gute Erinnerungen also, verbunden mit einem guten Gefühl, irgendwie etwas tun zu können. „Für andere vielleicht unbewusst, für mich in jedem Fall Gebet zu Gott. Innig und tief“, erzählt Höller. Und auch Julia zündet eine Kerze an, bevor sie wieder in den Unterricht muss. Diakon Höller bleibt noch. Ansprechbar für Mitarbeiter und Jugendliche im Kolping Berufsbildungswerk.

PS2012-2
Ruhrwort - November 2012
PS2012-3
PS2012-4
Ruhrwort - September 2012
PS2012-5
Ruhrwort - August 2012
PS2012-6
Ruhrwort - August 2012
PS2012-7
PS2012-7
PS2012-8
PS2012-9
PS2012-10
Ruhrwort - August 2012
PS2012-11
Ruhrwort - April 2012
PS2012-19
PS2012-12
PS2012-13
PS2012-14
Ruhrwort - März 2012
PS2012-15
Ruhrwort - Februar 2012
PS2012-16
Ruhrwort - Januar 2012
PS2012-17
PS2012-18
Back To Top